„Es geht um Prozesse und um Daten, Daten, Daten“

NUTZEN 04/2023: Branchentalk mit Frank Siegel, Obility GmbH

In unserem NUTZEN-Branchentalk sprechen wir regelmäßig mit Persönlichkeiten aus der Branche über Chancen und Herausforderungen in der Druckindustrie. Frank Siegel, Inhaber und Geschäftsführer der Obility GmbH, digitalisiert seit Jahrzehnten die Geschäftsprozesse von Druckereien. Als Referent berichtet er in seiner Keynote „Die Macht der richtigen Einstellung“ über die Eigenschaften, die wir in Zeiten des schnellen Wandels brauchen, um am Markt zu bestehen. Ein interessanter Gesprächspartner mit einem spannenden Blick auf die Entwicklung der Druckindustrie.

Herr Siegel, wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich bin Unternehmer und als solcher ein sehr neugieriger und nachdenklicher Mensch. Ich denke über viele Dinge in der Branche nach, weil ich viel mit unseren Kunden über unsere Branche spreche. Man sagt auch, ich sei eine Rampensau, weil ich sehr gerne über das spreche, was ich denke. Zum Beispiel in meiner Keynote „Die Macht der richtigen Einstellung“. Vorne stehen und die Leute mitnehmen, das ist mein Ding und das macht mir Spaß.

Wie lange sind Sie schon in der Branche?
Eigentlich bin ich schon seit meiner Kindheit in der Branche. Mein Vater war Drucker und hat als Abteilungsleiter in einer Druckerei gearbeitet. Dort habe ich alle möglichen Ferienjobs gemacht. Meine Großmutter hat in einer Bank gearbeitet. Irgendwann hat sie zu mir gesagt: „Komm, Junge, Du musst auch mal was anderes machen. Den nächsten Ferienjob machst du hier in der Bank.“ Also habe ich mich fein gemacht und bin hingegangen. Weil aber so viele andere Ferienjobber schneller waren, konnte man mir keinen Bürojob mehr anbieten und schickte mich kurzerhand in die Hausdruckerei. So wurde ich irgendwie immer in die Druckindustrie hineingezogen, dem konnte ich mich nicht entziehen. Während meines späteren Studiums habe ich eine Zeit lang in der Marketingabteilung einer Firma in den USA gearbeitet - auch dort war es meine Aufgabe, die Absprachen mit den Druckereien zu treffen. Irgendwann hat mein Vater dann einen grafischen Fachhandel eröffnet, und da war ich endgültig dabei.

War das während des Studiums?
Ja, ich hatte bereits einen Abschluss in Betriebswirtschaft und studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Informatik. Als mein Vater mir vorschlug, in sein Unternehmen einzusteigen, entschied ich mich für die Selbstständigkeit. Ich habe mich um den kaufmännischen Bereich gekümmert und später einen Geschäftsbereich für digitale Druckvorstufe aufgebaut, aus dem Printdata, ein Systemhaus für Digitaldruck, hervorgegangen ist.

Wann kamen Web-to-Print und ERP dazu?
Schon damals war mir klar, dass digitale Daten ganz neue Geschäftskonzepte ermöglichen. Deshalb haben wir uns intensiv mit Web-to-Print und Print-Shops beschäftigt. Als wir auf die Firma M/S Visucom stießen, nahm das Ganze Fahrt auf. Unter dem Namen Obility haben wir deren Software in der Druckindustrie eingeführt. Und weil damit auch die Auftragsabwicklung browserbasiert und automatisiert erfolgen konnte, waren unsere Kunden plötzlich in der Lage, mit wenigen Mitarbeitern Hunderte von Aufträgen pro Tag abzuwickeln.

Wie ist daraus Obility als Print ERP entstanden?
Die Kunden wollten die Vorteile auch im klassischen Geschäft nutzen. Deshalb wurden wir gebeten, ein Print ERP zu entwickeln. Als ich das Angebot von MS Visucom bekam, habe ich Printdata meinem Partner überlassen und die Marke Obility mitgebracht. Seitdem arbeiten wir für die Druckindustrie und bieten Druckereien jeder Größe eine browserbasierte, modulare Plattform für die effiziente Abwicklung aller Geschäftsprozesse, inklusive ERP, Produktionssteuerung und eCommerce, unabhängig vom Druckverfahren.

Haben Sie damit zu kämpfen, dass Obility weiterhin als Shop-Anbieter wahrgenommen wird?
Ja, damit haben wir zu kämpfen, aber wir kommen langsam aus dieser Ecke heraus. Wir wurden immer von unseren Kunden getrieben und haben uns ständig weiterentwickelt. Irgendwann habe ich mich daran erinnert, was schon ganz am Anfang an der Software so gut gefallen hat. Und das war die Tatsache, dass man schon damals die Auftragsabwicklung komplett automatisieren konnte. Wir haben Kunden, die bis zu 1.000 Aufträge pro Tag online erfassen und mit nur drei Mitarbeitern im Innendienst abwickeln. Dem stehen 15 Aufträge gegenüber, die mit drei Mitarbeitern über das klassische MIS abgewickelt werden. Solche Kunden sind auf uns zugekommen. Sie sagten: „Wir wissen, dass unser klassisches Geschäft als Offsetdruckerei nie 1.000 Aufträge am Tag bringen wird, aber könnt ihr uns nicht modulare Tools an die Hand geben, zum Beispiel eine schnellere Kalkulation?“ Wir wurden von unseren Kunden zu unserem heutigen Komplettsystem getrieben. Seit 2017 haben wir uns mit unserem Leistungsportfolio auch offiziell neu ausgerichtet.